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Nur Probleme mit Windelfrei und was du tun kannst - Mit Lini Lindmayer im Gespräch

Geschrieben von Julia Schmidt

Probleme mit Windelfrei - Lini Lindmayer "Windelfrei" klingt verlockend. Richtig verlockend. Windelfrei-Experten sagen, dass man, wenn man "Windelfrei" betreibt, dem Kind näher ist, eine bessere Kommunikation hat und besser auf die Bedürfnisse des Babys eingehen kann. Wenn ich eh schon stille, trage und familienbette, dann kann ich auch das noch machen. Und "Windelfrei" klingt logisch. Kinder spüren von Anfang an, dass sie mal müssen? Klar. Gebongt. Warum auch nicht? Natürlich wollte auch ich von Anfang an die perfekte Mutter sein. Natürlich wollte ich auch "Windelfrei" machen. Doch leider ist im Leben mit Baby nicht alles immer so einfach und verschiedene Probleme können auftreten. So war das auch bei mir. Es war alles andere als einfach :-( Mit Lini Lindmayer, einer Windelfrei-Expertin aus Österreich, habe ich in diesem zweiten Teil des Interviews über diese Probleme geredet. Falls du den ersten Teil verpasst hast, dann kannst du es hier lesen. Zu Beginn kommt die wohl am meisten gestellte Frage bei Windelfrei-Anfängern:

1. Was macht man, wenn man keine Signale mitbekommt?

Julia: Von allen Möglichkeiten mitzubekommen, wann ein Baby muss (Signale, Rhythmus, Timing, Intuition) werden die Signale am wichtigsten dargestellt werden. Was macht man, wenn man keine mitbekommt und das Baby einfach losstrullert? Lini: Es geht nicht nur um die Signale des Babys. Windelfrei ist ein Zusammenspiel zwischen Elterninitiative und Babysignalen. Ich erlebe oft, dass Eltern meinen man müsse zum einen das Baby unter Beobachtung halten und zum anderen irgendwelche Signale finden. Zuverlässiger ist es, auf das Bauchgefühl zu achten und dann erst an Signale zu denken.

2. Wie geht man damit um, wenn die Babys mobil werden und einfach keine Signale mehr geben? Ist dir das auch passiert?

Lini: Über die Signale habe ich schon so einiges in meinem Blog und auch in meinem Buch geschrieben. Auch da kursieren im Internet die wildesten Ideen. Babys zeigen uns was sie brauchen … Was ihnen aber noch schwer fällt ist mehrere Bedürfnisse gleichzeitig zu kommunizieren (das beginnt erst im Alter von fünf Jahren!). Sind sie ins Spielen vertieft, kann es vorkommen, dass sie auch nichts zeigen. Mein Rat an Eltern lautet immer, sich nicht zu sehr auf irgendwelche Signale zu fixieren sondern mehr aufs Bauchgefühl zu achten. Das klappt besser und zuverlässiger. Würde ich ständig auf irgendwelche Signale lauern, hätte ich wahrscheinlich zig nasse Hosen und würde mich gar nicht mehr raus getrauen :-) Wenn ein Signal kommt, dann reagiere ich darauf, wenn mein Bauchgefühl sich meldet, dann darauf.

3. Was rätst du Eltern, deren Babys gerade einen Abhalte-Streik haben, also gar nicht mehr auf's Töpfchen wollen?

Julia: Das passiert ja meistens zwischen 9 und 14 Monaten. Ich persönlich glaube ja, dass das ein guter Zeitpunkt ist entgültig Tschüss zu allen Back-Ups zu sagen. Die Kinder sind verwirrt, mal Windel, mal keine Windel, mal auf's Klo, mal nicht. Sie sind genervt. Wie siehst du das? Lini: Ich mag das Wort Streik nicht. Kindern streiken für mich nicht und trotzen auch nicht. Sie sind auf dem Weg zur Selbstständigkeit und zeigen uns mit ihrem „Nein“, das sie etwas anderes brauchen und wollen – manchmal wissen sie nur selbst noch nicht so recht, was das ist und wie sie das erreichen können. Ändern wir als Eltern die Sichtweise auf das Nein des Kindes und bewegen uns weg von der Idee, dass sich das Kind gegen uns wehrt und streikt, bewirkt das oft schon, dass sich etwas verändert. Denn in dem sich das Kind gegen das Abhalten wehrt, macht es eigentlich genau einen Schritt in jene Richtung, die wir von ihm sehen wollen – es selbst zu machen. In dem Augenblick ist es halt noch nicht der „passende“ Ort … aber das kommt auch noch :-) Mit den Backups stimme ich dir voll und ganz zu. Allerdings gilt das für mich schon vom Babyalter an. Backups geben zwar den Eltern vielleicht eine vermeintliche Sicherheit, verwirren und verunsichern langfristig gesehen aber.

4. Was hälst du von dem Konzept "ständig unten ohne und alles geht auf den Boden"?

Julia: Das ist in vielen Windelfrei-Foren und -Gruppen ja total uptodate sein Kind einfach unten ohne zu lassen. Die Kinder signalisieren nicht und machen einfach auf den Boden. Ist das gut? Was kann man tun? Lini: Ich halte sehr wenig davon. Das ist für mich auch nicht „Windelfrei“ oder EC. Da fehlt für mich eine aktive Reaktion der Eltern. Die Eltern zeigen keine Initiative, agieren nicht und sie erwarten zu viel vom Baby. Ein sehr verbreitetes Phänomen übrigens in allen Bereichen des Lebens mit Kindern. Ein Kind muss sich an den Eltern orientieren können und sie müssen ihm diese Orientierung geben. Nicht umgekehrt. Sobald Eltern aktiv werden, wird sich der Umstand auch ändern.

5. Ist es okay, sein Baby nach Rhythmus/Timing abzuhalten oder ist das verwerflich?

Lini: Es gibt hier keine Maßstäbe oder Richtlinien und das ist vielleicht genau das schwer Vorstellbare daran. Wen es nicht stresst, der kann natürlich sein Baby nach der Uhr abhalten… Wichtig ist dabei halt, nicht zu sehr auf etwas fixiert zu sein. Das kann leicht in Druck, Stress und Frust enden. Was ich absolut nicht unterstreichen und befürworten kann sind Zeitangaben, die man auf so manchen Windelfrei-Seiten findet. Wo Eltern dann lesen können, dass Neugeborene beispielsweise alle 10 Minuten ausscheiden… Das mag vielleicht als Anhaltspunkt gedacht sein und den Eltern auch so erscheinen, bringt aber wenig, da es zahlreiche Neugeborene gibt, die nicht alle 10 Minuten ausscheiden. Halten die Eltern dann – weil es ja die Angabe ist – ihr Baby alle 10 Minuten übers Töpfchen und es kommt nichts, sind sie logischerweise verwirrt. Macht das Baby dann 5 Minuten später, sind sie frustriert. Abgesehen davon kann die Zeitspanne zwischen den einzelnen Ausscheidungen ja sehr stark variieren und ist immer abhängig ist von Tageszeit, Jahreszeit, Nahrungsaufnahme, ... Weil Babys eben so individuell sind, sollte man sich hier nicht an irgendwelche Zeitangaben halten, sondern einfach auf das eigene Baby achten und herausfinden wann es macht …

6. Was rätst du Eltern, deren Baby alle 10 Minuten macht?

Julia: Das ist doch unglaublich stressig, das Baby alle 10 Minuten von sich zu halten, wenn es muss. Dann könnte man ja gleich in dieser Position bleiben :D Oder meinst du, dass wenn man sein Baby ein paar Wochen lang konsequent abhält, es auch länger anhalten können wird? Alle wie viel Minuten haben denn deine Neugeborenen Pipi gemacht? Mein Sohn hat bis ungefähr 15 Monate morgens alle 10 Minuten und nachmittags alle 15 Minuten Pipi gemacht. Ich weiß einfach nicht, wie man das schaffen könnte, ohne verrückt zu werden ;-) Lini: Es gibt Babys, die nach dem Stillen vielleicht ein oder zweimal hintereinander in 10 Minuten Abstand ausscheiden müssen – bei den ganz Kleinen. Aber auch das nicht den ganzen Tag lang und ständig. Oft hängt es aber auch damit zusammen, dass die Babys nicht alles auf einmal machen, man selbst nicht lang genug wartet. Von Baby zu Baby ist es zudem sehr unterschiedlich. Unser Sohn hat beispielsweise öfters gemacht als die Jüngste jetzt. Sie kann sehr lange zurückhalten, hat aber auch eine enorme Körperspannung… Aus der Praxis kann ich aber sagen, dass die 10 Minuten Abstände oftmals eher mit der Angst der Eltern in Zusammenhang stehen und sie öfters drüberhalten als nötig (das Baby das Angebot dann annimmt und so weiter).

7. Wie geht man bei Windelfrei mit verpassten Pipis/AAs um?

Julia: Die meisten Eltern nervt es irgendwann, wenn ständig die Kleidung, der Teppich, das Sofa oder der Boden nass/dreckig ist. Hat dich das nie gestört? Oder ist dir das so selten passiert? Lini: Es gibt – wie generell bei der Windelfreiheit – kein Allgemeinanweisung oder Richtlinie dafür, wie man sich zu verhalten hat, wenn dieses oder jenes passiert. Und das ist, glaube ich auch das schwierigste für uns, wo wir gewohnt sind für alles eine Richtlinie zu bekommen. Abgesehen davon ist nicht jede Situation gleich. Wichtig ist, dass die Reaktion möglichst neutral bleibt bzw. zumindest die Wut nicht auf das Kind übertragen wird. Wenn es wirklich „ständig“ daneben geht, dann müssen sich die Eltern die Frage stellen, ob sie sich nicht vielleicht zu sehr unter Druck setzen. Statt nach dem Warum zu fragen und irgendwelche Lösungswege zu suchen. Druck ist der häufigste Grund für nasse Hosen. Dieser ständige Anspruch alles richtig und gut zu machen. Das „immer alles dreckig und nass ist“ gehört zudem zu den Windelfrei-Vorurteilen die gerne und oft kursieren. Fakt ist, dass es nasse Hosen ab und zu gibt – mal mehr mal weniger. Fakt ist auch, dass es ab und an Babys gibt, bei denen auch ab und zu Stuhl in die Hose geht. Prinzipiell aber hat man mit einem Baby ohne Windel nicht mehr oder weniger Wäsche als generell mit Kindern. Das gehört dazu. Ich sage gerne, dass man mit Kindern einfach Wäsche und auch nasse Hosen hat. Entweder man hat sie im Säuglingsalter wenn man keine Windeln verwendet oder im Kleinkindalter, wenn das Kind dann sauber werden soll. Bei uns wurden die nassen Hosen mit jedem Kind weniger, einfach weil wir lockerer und gelassener waren. Dass es nachts daneben geht, kommt so selten vor, dass ich mich gar nicht erinnern kann wann es das letzte Mal geschehen ist und bei welchem Kind es war.

8. Ist eine nasse Wohnung nicht ziemlich doof?

Julia: Nasse Hosen bedingen doch aber auch nasse Sofas, nasse Stühle oder nasse Böden. Wenn alles in der Hose bleiben würde, wäre das ja wirklich praktisch, aber kein großer Unterschied zu einer Windel. Also gehört eine (ab und an) nasse Wohnung wohl irgendwie dazu? Lini: Bei gerade sauber werdenden Wickelkindern ist das vielleicht der Fall, aber Babys machen noch nicht so viel. Und eine nasse Wohnung? Mal ehrlich. Meinst du das ernst? So viel Lulu kann doch gar nicht in einem Baby sein. Ja, wenn es daneben geht, ist vielleicht mal der Teppich ein wenig nass oder wenn das Baby auf der Couch liegt, aber da kann man ja vorsorgen. Ich kenne viele Eltern, das liegt das Baby halt – für den Fall der Fälle – auf einer wasserabweisenden Unterlage. Und wie ist das mit Spucke? Oder anderen Dingen, die man bei Babys zwangsläufig auch eventuell irgendwo hat? Schwallartig erbrochene Muttermilch? Vielleicht vermischt mit gerade gegessenen Reiswaffel oder Hirsebällchenresten? Julia: :D :D Okay, die Angst vor einer Sinnflut muss man sich wohl einfach abgewöhnen, da sie einfach nicht berechtig ist.

9. Was räst du windelfrei-frustrierten Eltern, die aufgeben wollen und total fertig mit den Nerven sind?

Lini: Das kommt natürlich immer auf die individuelle Situation an. Zunächst einmal versuche ich ihnen aber zu erklären, dass es hier nicht um einen Wettbewerb geht und sie nicht die schlechteren Eltern sind, weil sie Windeln verwenden. Und ich gehe mit ihnen auf die Suche nach all den Momenten, wo sie die Bedürfnisse des Kindes erkennen. Fühlen sich Eltern wirklich überfordert und gestresst und sind mit den Nerven am Ende, dann rate ich ihnen einfach mal eine Pause einzulegen. Zu wickeln, loszulassen und dann einfach weiter zu schauen, was sie wollen und was für sie passt. Und wenn sie nach einem Tag oder ein paar Wochen oder auch ein paar Monaten das Gefühl haben, dass es ihnen jetzt leichter fallen würde, dann einfach wieder loszustarten. Die Kommunikation geht nicht verloren. Sie kann lediglich blockiert sein durch zu viele Ansprüche und Ängste. Julia: Also ist Windelfrei mit Windeln doch irgendwie okay? Okay ist das, womit man sich wohl fühlt. Es gibt für mich keine strengen Grenzen. Die Kommunikation mit dem Baby ist kein Dogma. Trotzdem finde ich es wichtig immer wieder zu betonen dass Windelfrei mit Windeln oftmals die Sache unnötig verkompliziert, weil es die Eltern verunsichert.

10. Windelfrei hat mich fast in die Depression gestürzt, was hättest du mir persönlich geraten?

Julia: Ich wollte alles richtig machen. Nach der Geburt lagen mein Baby und ich viel nackig rum, mein Baby auf mir. Ich konnte einfach keine Signale erkennen. Der Kleine hat losgekackert und losgestrullert, wie er wollte, auf mich, neben mich, beim halten, beim tragen, beim liegen. Auch beim Schlafen (mit geschlossenen Augen, vielleicht war er innerlich wach). Unser Bett war nass und dreckig, leider ich nicht immer alles auf den Tüchern und Unterlagen gelandet. Ich war total fertig und kam mit dem Waschen nicht mehr hinterher. Mein Mann musste nach 3 Tagen wieder an die Uni, weil er wichtige Prüfungen hatte, also hatte ich auch nicht viel Hilfe und Rückhalt. Die restliche Wohnung war relativ kühl, da Altbau. Nach einer Woche wollte ich mal wieder raus aus dem Schlafzimmer und habe meinem Baby eine Mullwindel und Wollhose und Babykleidung angezogen. Ich war sofort entspannter und mein Baby auch! Endlich habe ich mich zum Beispiel auch getraut im liegen zu stillen, das war so schön und entspannend! Davor habe ich immer ganz verkrampft meine Baby, das Asiatöpfchen, den Pullover und meine Brust gehalten. So viele Hände hatte ich gar nicht. Denn natürlich wollte ich auch keine Stilleinlagen benutzen... Wir waren natürlich noch oft nackig im Schlafzimmer, aber es hat nie wirklich geklappt mit dem Pipi/AA machen. Für AA hat er auch nie, nie gedrückt und gegrunzt, so wie andere Babys. Auch wenn ich meinem Sohn alle 1 bis 2 Stunden die Windeln wechseln und ihn abhalten wollte: Er hat nur geweint, ihm hat das gar nicht gefallen. Dieses Gefühl des Versagen hat mich ganz knapp in eine Depression getrieben. Ich habe gedacht, wenn ich seine Bedürfnisse nicht erkenne, dann bekommt mein Sohn einen Schaden für's Leben. Die ersten Monate habe ich immer wieder versucht abzuhalten, was immer mit viel Geschrei und Ärger endete. Erst mit 11 Monaten habe ich wieder angefangen, so etwa 2 bis 5 Mal am Tag. Danach gab es auch immer wieder Phasen, da war ich total motiviert und wollte so viele Pipis wie möglich abfangen. Wie gesagt: Mein Kleiner hat zuverlässig alle 15 Minuten gemacht, egal ob mit oder ohne Abhalten. Aber so richtig sinnvoll erschien das nicht - Nur stressig. Mit 18 Monaten haben wir die Windel dann wirklich weggelassen. Und ja, wow, es hat super geklappt. Lini: Als ich deine Schilderung gelesen habe, kam mir zuerst der Gedanke wer dir denn all das so erzählt hat? Es hat mich traurig gemacht, dass du eben keine kompetente Begleitung erfahren hast und dir niemand gesagt hat, das Windelfrei eben nicht das ist bzw. was es wirklich ist und worum es geht. Eben nicht darum das Baby nur nackig zu lassen und auf seine „Zeichen“ zu warten. Eben nicht darum nur dem Ausscheidungsbedürfnis Aufmerksamkeit zu schenken. Geholfen hätte dir sicher, ein Gespräch oder ein Seminarbesuch … um alle Irrglauben aus dem Weg zu räumen. Ich hätte dir geraten, euch Zeit zu geben und dich nicht auf irgendwelche Zeichen oder Ideen zu fixieren. Wer hat dir gesagt, dass ihr immer nackig sein müsst? Dass du auf Zeichen warten muss und das Töfpchen unter den Po des Babys beim Stillen halten musst? Keine Stilleinlagen verwenden darfst? Nicht auch mal einen Mullwindel zwischen die Beinchen oder in die Hose legen und gemütlich stillen darfst? Aus deiner Erzählung höre ich so viele der Ideen und Fehlmeinungen heraus, die – seit die Windelfreiheit bekannter wird – im Internet und in Foren herumgeistern. Das stimmt mich zum einen traurig und es macht mich phasenweise auch wütend. Denn es nimmt sehr viel und macht Stress und Druck :-( Es geht nicht darum immer alles und 100%ig ins Töpfchen zu erwischen. Worum es geht ist die Achtsamkeit dem Bedürfnis gegenüber. Merkt das Baby eine Reaktion auf sein Bedürfnis – und die kann es auch geben, wenn das Baby auf die Mullwindel oder in die Windel macht – so verlernt es nicht dieses zu signalisieren. Und je öfter es die Reaktion bekommt, desto deutlicher und nachdrücklicher beginnt es zu zeigen … Julia: Okay, aber wem kann man dann noch glauben? Dir selbst! Und dem, was dein Körper dir sagt oder dein Bauchgefühl...

11. Muss ein Windelfrei-Baby ständig nackt sein?

Julia: Das mit dem ständig nackig sein habe ich in "Es geht auch ohne Windeln" von Ingrid Bauer gelesen. So hat die Autorin die ersten Wochen mit ihrem neugeborenen Sohn beschrieben: Die meiste Zeit lagen sie nackt im Bett, haben gestillt und gekuschelt. Kleidung ist auch nur so eine unnötig Erfindung. Babys brauchen viel Hautkontakt um glücklich zu sein. Auch im Tragetuch trägt man sie am besten ohne Kleidung auf der nackten Haut. Das klingt auch ganz logisch. Ich möchte nur das Beste für mein Kind, also probier ich es aus. Lini: Ich habe schon von einigen Seiten gehört, das bei dem oben erwähnten Buch der Eindruck entsteht, man dürfe keine Kleidung verwenden. Wichtig ist doch, das man sich wohl fühlt und bei Temperaturen jenseits der Gemütlichkeitsgrenze braucht es einfach die passende Kleidung. Sowohl für Groß, als auch für Klein.

12. Darf man Stilleinlagen benutzen?

Julia: Im Buch „Still die Badewanne voll! Das freie Säugen: Methode mit Brüsten, Nippeln und Co“ beschreibt die Autorin, dass Stilleinlagen eine komplett unnötige westliche Erfindung sind. Man kann die Brust einfach abdrücken oder den Nippel umknicken, dann hört der Milcheinschuss auf und man läuft nicht aus. Das klingt auch ganz logisch. Ich möchte so wenig Müll wie möglich, also proiber ich es aus. Ach und Stillkleidung braucht man natürlich auch nicht, das geht schon irgendwie so. Lini: Nein, explizit Stillkleidung braucht es auch nicht, aber stillfreundliche Kleidung auf jeden Fall. Ich bin Stillberaterin und ich finde es ganz wichtig, dass man stillen überall und jederzeit kann – ohne in Bedrängnis zu geraten, unbequeme Positionen einnehmen oder sich kompeltt entkleiden zu müssen. Was spricht gegen Stilleinlagen? Stilleinlagen aus Stoff produzieren keinen Müll und verhindern, dass alles nass wird wenn die Milch zu fließen beginnt … Aber gut, man kann alles verkomplizieren! Julia: Ja, nach ein paar Wochen habe ich mir auch einige bequeme Still-BHs und tolle waschbare Stilleinlagen geholt (Die sind auch abgesehen vom Müll, viel schöner und bequemer als die zum Wegwerfen.)

13. Was ist der richtige Windelfrei-Weg?

Julia: Die ganzen Ideen von Windelfrei, Nackt-Sein, keine spezielle Stillkleidung. Das klingt doch alles ganz nett. Nach welchen Kriterien soll man denn als frische Mama auswählen was man macht und was man nicht macht? Man will doch nur das Beste für sein Kind und natürlich auch die Umwelt schonen. Lini: Ja, du willst das Beste für dein Baby, aber du solltest dich da nicht nach irgendwelchen Mainstream Ideen orientieren und auch nicht nach dem, was vielleicht deine Freundin oder Schwester oder Nachbarin für passend gefunden hat, sondern danach, was für euch passt. Und das scheinst du ja dann auch gemacht zu haben. Für mich gibt es einfach keinen einzig richtigen und wahren Weg, sondern nur viele Möglichkeiten und individuelle Stimmigkeit.

14. Was kannst du Eltern raten, die erst relativ spät zu "Windelfrei" kommen? Wie sollen sie vorgehen?

Lini: Hier geht es hauptsächlich ums „Sauber werden“. Vom klassischen Töfpchentraining mit viel Lob und Belohung halte ich wenig. Auch mit älteren Kindern kann kommuniziert werden, je jünger sie sind, desto leichter klappt es auch wieder. Prinzipiell verläuft es ähnlich wie bei der Windelfreiheit. Windel mal weg und einfach ausprobieren, zu verschiedenen Zeiten anbieten und so weiter. Ich habe dafür auch ein eigene Skript als Ergänzung zum Buch geschrieben – zu finden auf www.windelfrei.at/windelfrei-shop Julia: Aber Kinder werden doch mit 3 oder 4 Jahren "von alleine" trocken? Warum dann der Stress mit Windelfrei? Im Jahr 2015 lässt man ja nicht "einfach" die Windel weg, damit das Kind sauber wird. Es ist Trend, die Kinder so lange in den Windeln zu lassen, bis sie zuverlässtig trocken sind und keine Windeln mehr wollen/brauchen. Lini: Glaubst du wirklich, dass das irgendwann von selbst kommt? Meinst du wirklich, etwas was man jahrelang ignoriert hat wird dann plötzlich von heute auf morgen bewusst. Tagsüber funktioniert das vielleicht. Nicht aber Nachts -wie die stetig steigende Zahl an Bettnässern zeigt. Julia: Trotzdem machen ja wenige Mütter aktives Töpfchentraining, zumindest wenn man den Erzählungen und dem Internet glaubt. Was hälst du von Abwarten und das Kind entscheiden lassen, wann es aufs Töpfchen möchte und keine Windel mehr tragen will? Das ist doch eigentlich ein ganz netter, kinderfreundlicher Ansatz. Meinst du dass da auch Orientierung fehlt? Lini: Kinderfreundlich ist ein orientierungsloser Umgang mit dem Kind nie! Was lernt das Kind? Dass es komplett egal ist. Siehe auch oben. Kinder brauchen Orientierung und sie brauchen das Gefühl, gesehen, wahrgenommen und geachtet zu werden in ihren Bedürfnissen. Dazu zählt auch das Gefühl, jemanden um sich zu haben, dem man nicht einfach egal ist. Julia: Wann waren deine Kinder relativ selbstständig mit dem aufs Klo gehen? Lini: Selbstständig werden windelfreie Babys ganz unterschiedlich – erfahrungsgemäß aber früher als gewickelte Kinder. Unsere Kinder waren alle rund um den ersten Geburtstag (meist zwischen 10. und 13. Lebensmonat) selbstständig – mit ein wenig Hilfe beim Hose aus- und anziehen.

15. Kann es sein, dass Windelfrei einfach nichts für unsere westlich-erzogenen Gehirne ist?

Julia: Ich meine, wir stecken ja alle in unserer Haut. Wir sind damit aufgewachsen, dass wir Richtlinien und Anleitungen bekommen, dass wir fast alles kontrollieren können, dass unsere Wohnung sauber und ordentlich ist. Und dass Babys Windeln tragen, die Pipi und Kacka gut verstecken. Wir wollen das beste für unser Kind, kaufen uns ein Tragetuch und lassen es mit uns im Bett schlafen. Von Windelfrei haben wir auch gelesen, verstehen es, es ist ganz logisch: Aber es klappt nicht, weil es nicht zu unserer Erziehung passt, weil noch nie andere windelfreie Kinder gesehen haben, keinerlei Erfahrung haben, nichts kontrollieren können und es nicht gewöhnt sind, nasse/dreckige Kleidung und (ab und an) feuchte Möbelstücke zu haben. Müssten wir dann nicht alle ein mehrwöchiges Intensivweiterbildungsprogramm durchlaufen um unsere westlichen Gehirne auf „entspannt“ umzustellen oder meinst du es reicht aus, wenn man dem westlichen Gehirn einmal sagt „Sei entspannt!! Lass los!“? Oder ist einfach ein Großteil der komplett-westlich erzogenen Eltern dadraußen nicht für Windelfrei geeignet? Lini: Es gibt für mich keine allgemein gültige Regel. Wenn man etwas will, dann kann man es auch erreichen. Wenn man von etwas überzeugt ist, dann macht man es. Wichtig ist, ob man sich auf den Lernprozess und den Umdenkprozess einlassen will oder nicht. Und sich dann Strategien überlegen, wie man es am besten schafft. Als Mehrfachmama kann ich nur sagen, dass vieles (Locker sein, Gelassenheit, etc.) oft nur eine Frage der Zeit und der Erfahrung sind.

Was ich gelernt habe

Memo an mich selbst: Weniger auf Signale warten, mehr handeln, weniger Stress machen, mehr Erfahrungen sammeln und damit entspannter werden :-) :-) Was hast du aus dem Interview mitgenommen? :-)

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